Alain Pierrot: „Wer eine Rakete gestartet hat, sollte sie auch weiter betreiben.“

12. Oktober 2026

Wie das Motherboard bei Computern verbindet das Innovationszentrum Hamburg (IZHH) als zentraler Knotenpunkt alle anderen Akteure. Von der Entwicklung bis zum Betrieb der Quantencomputer wird hier die gesamte Wertschöpfungskette abgebildet: Hardware-Akteure treffen auf Partner aus Software- und Anwendungsbereichen. Aber nicht nur moderne Labore und ein voll ausgestatteter Reinraum stecken hinter der Backsteinfassade. Manager Alain Pierrot weiß, was das Innovationszentrum außergewöhnlich macht und gibt Einblick in dieses etablierte Quanten-Ökosystem.


Wen bringt die DLR QCI am Standort Hamburg zusammen?

Wir entwickeln Quantentechnologie ganzheitlich, Mitarbeitende der DLR QCI arbeiten also mit verschiedenen Partnerunternehmen zusammen. Das ist unser Ökosystem- und Full-Stack-Ansatz. Ein Kernteam der DLR QCI betreut dabei die Projekte und den Standort. Mitarbeitende des Instituts für Quantentechnologie betreiben den Reinraum und kümmern sich um die „Enabling-Technologies“ zur Entwicklung von Quantenbauteilen. Start-ups bauen die Quantencomputer in ihren Laboren und Teams des Instituts für Softwaretechnologie liefern die Algorithmen dazu. Es herrscht ein reger Austausch, regelmäßig entstehen so neue Ideen. Das ist uns auch sehr wichtig: den Wissens- und Ideentransfer aktiv fördern.


Mit welchen Techniken werden hier Quantencomputer gebaut?

Das IZHH hat zwei Alleinstellungsmerkmale: ein Fokus auf Ionenfallen-Technologie und eine Kombination aus Laserlaboren und einem Reinraum. Die Laserlabore bieten alles Wichtige für die Konstruktion von Quantencomputern, zum Beispiel eine stabile Stromversorgung, konstante Temperaturen, umfangreiche Kühlmöglichkeiten und die benötigten technischen Gase. In unserem vollausgestatteten Reinraum können Ionenfallen-Chips gefertigt werden. Kaum eine Minute Fußweg liegt zwischen den Laboren und dem Reinraum, das spart unheimlich viel Zeit und ist einer unserer größten Vorteile!


Motivieren sich die Akteure gegenseitig?

Bei den Hardware-Unternehmen gibt es naturgemäß einen Wettbewerb. Sie tauschen sich natürlich aus, aber nicht so offen und ungezwungen wie man es aus klassischen Coworking-Spaces kennt. Diese Konkurrenzsituation spornt aber an und fördert somit die Produktivität.


Was macht Hamburg als Standort einzigartig?

Hier haben wir regelmäßig persönlichen Kontakt mit vielen Akteuren im Bereich Quantentechnologien, insbesondere im Quantum-Computing: Forschungseinrichtungen wie die Universität und zahlreiche Unternehmen. Viele von ihnen werden potenziell als Erste Quantentechnologien nutzen, etwa  Lufthansa Technik oder der Hamburger Hafen. Grundsätzlich agieren wir aber überregional in einem bundesweiten Netzwerk. Auch mit Partnern im Ausland tauschen wir uns aus, einige haben sogar Niederlassungen in der Nähe aufgebaut.



Wie hat sich die Atmosphäre am Standort durch das Wachstum verändert?

Am Anfang waren die Unternehmen noch deutlich kleiner, da kannte ich fast alle Mitarbeitenden persönlich. Es war wie eine große Wohngemeinschaft. Heute ist der Standort größer und professioneller, aber das Gemeinschaftsgefühl ist trotzdem geblieben. Wenn Unternehmen zu uns kommen und sagen „Toll, dass das wieder funktioniert hat“ oder „Danke, dass das Problem so schnell gelöst wurde“, spüre ich sofort wieder diese besondere Aufbruchsstimmung. Das vergisst man im Alltag manchmal: Wir entwickeln zwar keine Quantencomputer selbst, schaffen aber die wichtigen Voraussetzungen dafür, dass andere daran arbeiten können. Deswegen ist es umso wichtiger, sich immer wieder bewusst zu machen, woran wir hier eigentlich mitwirken.


Wie kann das Innovationszentrum sein volles Potenzial entfalten?

Viel positives Feedback geben uns die Start-ups zu den Räumlichkeiten, der Technik und der weiteren Ausstattung. Ein großer Gewinn wäre für sie, die Industriepartner und den Standort Deutschland insgesamt, wenn diese bestehenden Strukturen langfristig genutzt und ausgebaut werden. Wer eine funktionierende Rakete gestartet hat, sollte sie weiter betreiben. Nur so erreicht sie den Mond. Wenn eine funktionierende Infrastruktur bereits existiert, braucht sie langfristige Unterstützung, um ihr volles Potenzial zu entfaltet. Ein hochkomplexes Ökosystem entsteht nicht über Nacht, eine bereits fliegende Rakete wieder zur Erde zurückzuholen verschwendet nur Treibstoff. Wir möchten den Standort also langfristig betreiben, damit die aufgebauten Infrastrukturen ihr volles Potenzial entfalten.


Wovon träumst du persönlich?

Mein Wunsch ist, dass einer der hier entwickelten Quantencomputer einen echten Durchbruch erzielt und sich als Referenzplattform für Ionenfallen-Quantencomputer etabliert, vielleicht sogar darüber hinaus. Das wäre ein herausragender Erfolg.